Im Porträt Christoph Zeis



Christoph Zeis


Geschäftsführer der Energiedienstleistungsgesellschaft Rheinhessen-Nahe und Vorstand des Landesverbands Erneuerbare Energie Rheinland-Pfalz/Saarland 
Er baut Nahwärmenetze für Kommunen auf – für Christoph Zeis ist Contracting der Königsweg der Wärmewende. Nebenbei versucht er als Sprecher des Landesverbands Erneuerbare Energie Rheinland-Pfalz/Saarland, die Wärmeversorgung in der Energiewende in den Vordergrund zu rücken. 

Christoph Zeis fährt jeden Tag ins Büro der Energiedienstleistungsgesellschaft Rheinhessen-Nahe (EDG). Seit einem Jahr hat er dort fast eine ganze Etage für sich, die Hälfte seiner Mitarbeiter ist im Home-Office. „Dass ich hier arbeiten kann, ist gut für den privaten Hausfrieden. Meine Frau ist seit letztem März im Home-Office und hat zuhause das Arbeitszimmer besetzt – das könnte Streit geben“, sagt er lachend. Auch sonst hat sich in Zeis' Leben seit Beginn der Pandemie nicht viel verändert, für neue Coronahobbies wie Yoga und Puzzlen hat er ohnehin keine Zeit. Morgens um halb 8 ist der EDG-Geschäftsführer in seinem Büro, meistens bleibt er dort bis spät abends. Neben seiner dortigen Arbeit ist Zeis Vorstand desBundesverbands Kraft-Wärmekopplung, Sprecher der Grundsatzkommission, Vorstand des Arbeitskreis Wärme – und seit kurzem Vorstand des neugegründetenLandesverbands Erneuerbare Energie Rheinland-Pfalz/Saarland (LEE).

Weil er so viel zu tun hat, hat der 56 Jahre alte Ingenieur die Rolle beim LEE erst nach längerer Bedenkzeit übernommen – vor allem aus Überzeugung. „Der Wärmebereich müsste eigentlich die Hauptrolle bei der Energiewende spielen“, sagt er. „Die Politik und einige Verbände verfolgen das nicht zielorientiert, viel Machbares haben sie nicht auf dem Schirm. Mit dem LEE möchte ich der Wärmeversorgungdeshalb jetzt eine lautere Stimme geben und diesen für den Klimaschutz so zentralen Sektor mitgestalten.“ 

Bücher brachten Zeis zur Energiewirtschaft

Bei aller Überzeugung, die ihn heute trägt, wäre beinahe alles anders gekommen. Eigentlich wollte Zeis Dachdecker werden. Der gebürtige Westerwälder ist in einer Arbeiterfamilie großgeworden, sein Vater war Dachdecker und führte ein eigenes Geschäft. Noch bevor sein Sohn auf die Welt kam, stürzte der Vater vom Dach. „Danach konnte er in diesem Beruf nicht mehr arbeiten. Ich fand trotzdem Gefallen am Handwerk und habe eine Ausbildung zum Dachdecker gemacht.“ Kurz vor der Meisterprüfung kam Zeis der Zivildienst dazwischen, den er beim Roten Kreuzmachte. „Im Westerwald passiert allerdings nicht so viel, während meiner Bereitschaftsdienste hatte ich viel Zeit zum Lesen“, erinnert er sich. „Waldsterben und Ozonloch waren gerade die Themen der Zeit.“ Weil auch der Wald um ihn herum starb, begann Zeis, während des Bereitschaftsdiensts Bücher zum Umweltschutzzu lesen. Nach dem Zivildienst schmiss er seine Handwerkskarriere über den Haufen, holte sein Abitur nach und studierte Umweltschutz, mit dem Schwerpunkt Energiewirtschaft und -technik. 

Nach seinem Studium arbeitete Zeis ab 1998 bei einem kommunalen Energieversorger in Mainz. Sein erstes Großprojekt war der Neubau der Kreisverwaltung in Ingelheim am Rhein. „Ich bat den damaligen Landrat um einen Termin und schlug ihm vor, ein hocheffizientes Wärmenetz auf Basis dezentraler Kraft-Wärme-Kopplung zu errichten, an das wir auch gleich gewerbliche und Wohngebäude in der Nachbarschaft anschließen“, erinnert sich der heute 56-Jährige. Der Landrat, selbst Ingenieur, war begeistert von dem Projekt. „Als ich ihm dann nach zwei vergleichbaren Projekten vorschlug, die gleiche Idee auf den Landkreis zu übertragen, beauftragte er mich, ein Unternehmenskonzept zu entwickeln.“ Aus diesem Konzept entstand ein halbes Jahr später die EDG. 

Firmenzentrale ist weitgehend energieautark

Das Unternehmen arbeitet vor allem über Contracting. Zeis nennt es den Königsweg der Wärmewende. „Dass das so einschlägt, hatte ich damals aber nicht erwartet“, sagt er. „Wir schließen Verträge mit der Kommune ab und übernehmen die Investitionen für sie. Wir betreiben die Anlagen über einen langfristigen Zeitraum und refinanzieren das Kapital über Energieeinsparungen ohne Mehrkosten für unsere Kunden“, erklärt Zeis.
Die stolze Bilanz der letzten 23 Jahre: Über 50 Nahwärmenetze, von drei Gebäuden bis hin zu großen Baugebieten mit 450 Grundstücken und 650 Wohneinheiten – seit 2010 laufen einige von ihnen mit Biomethan. Der Energiemix der EDG hat einen Anteil an erneuerbaren Energien im Wärmebereich von mehr als 30 Prozent. „Bundesweit sind wir gerade mal bei knapp 14 Prozent“, sagt Zeis. Seine Zukunftsvision: Quartiere schaffen, die Photovoltaikanlagen auf den Dächern und Blockheizkraftwerke in den Kellern haben. Und damit Autarkiegrade von über 80 Prozent erreichen.

Zeis lebt selbst nach diesem Schema: Seit vier Jahren fährt er Elektroauto. 2007 baute die EDG in Nieder-Olm ihre Firmenzentrale selbst, die mit Holzpellets und Solarthermie erneuerbar beheizt wird. Komplettiert wird das auf der Stromseite durch eine Brennstoffzelle und eine Photovoltaikanlage mit Batteriespeicher, die allesamt der Stromeigenversorgung dienen – auch den Ladestationen, an die Zeis bei der Ankunft im Büro sein Auto anschließt. Laura Dahmer

Wer rettet das Klima? Die Politik oder der Einzelne?

Ganz eindeutig: Beide. Die Politik muss Rahmenbedingungen so schaffen, dass es sich für den Einzelnen lohnt, Investitionen zu tätigen. Das macht die Politik durchaus, zum Beispiel im Wärmebereich: Da gibt es eine neue Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG), das Anreize schafft, effizient zu sanieren. Von da an ist der Einzelne gefordert. Er muss seine Ölheizung, die er vielleicht sowieso in ein paar Jahren austauschen muss, etwa durch einen Pelletkessel oder eine Wärmepumpe ersetzen.

Auf welchen Flug würden Sie nie verzichten?

Am 12. März 2020, einen Tag vor Verkündung des Lockdowns, bin ich noch von Frankfurt nach Berlin und zurück geflogen. Das würde ich heute nicht mehr machen. Worauf ich allerdings nicht verzichten würde: Alle paar Jahre einen schönen Urlaub zu machen. Letztes Jahr wollten meine Frau und ich zum Beispiel auf die Seychellen, das ist durch die Pandemie ins Wasser gefallen. Weil ich über meine Arbeit jährlich mehr als 50.000 Tonnen CO2-Einsparung möglich mache, erlaube ich mir dann einen solchen Flug, weil hier keine anderen Verkehrsmittel in Frage kommen.

Wer in der Energie- und Klimawelt hat Sie beeindruckt?

Ich bin durch ein paar Menschen überhaupt erst zur Energiewirtschaft gekommen. Zu denen gehört Dr. Ulrich Kaier. Er ist ein absoluter Überzeugungstäter, KWK- und Bioenergie-Mann. Er hat die Firma EC Bioenergie gegründet, die uns heute noch mit Pellets beliefert. Ich habe ihn als Student kennengelernt. Jeder Vortrag, den ich von ihm gehört habe, sprüht vor Energie und Überzeugung. Dazu gehört auch mein Physik- und Energieprofessor Hans-Georg Kämpf, der mich bei der Erstellung des Geschäftsmodelles der EDG unterstützt hat. Und Ernst Ulrich von Weizäcker, Mitglied des Club of Rome und die Verfasser des Buches „Grenzen des Wachstums“, Dennis Meadows et al.

Welche Idee gibt der Energiewende neuen Schwung?

Mein Lieblingsthema: Unsere Energiewende- und Klimaschutzgesetze müssen vom Beihilferecht befreit werden. Unsere Bundesregierung sollte bei der EU-Kommission in Brüssel die Entfesselung in Anwendung der Lissabon-Verträge beantragen, um mit der Energiefreiheit der Nationalstaaten die Pariser Klimaziele erreichbar zu machen. Wir benötigen Investitions- und Planungssicherheit und endlich auch wieder Vertrauensschutz. Und dann muss die Politik die Fachleute einfach mal arbeiten lassen.

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